Tatramuseum Koprivnice (3 Tage)
von Peter Gusmits
1. Mai. Aufmarsch einer 27-teiligen Motorradflotte und einem Auto (Insassen: ein VIP-Hund mit Andy als Fahrer). Neben diversen BMW-Modellen auch eine Deauville, eine Ducati 998, ein Burgmann-Roller und sechs Gold Wings in allen Farben. Von Wien Richtung Norden über Deutsch-Wagram nach Hohenau gesellte sich Maschine um Maschine dazu, im Konvoi passierten wir die Grenze. Als hätte der Fall des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren nicht stattgefunden patrouillierten militante Riesenkampfgelsen entlang der March und griffen erbarmungslos sämtliche Gruppeneinteilungs-Kollaborateure an. In drei Gruppen kamen unsere Fahrzeuge nach langen schnurgeraden Straßen endlich in das Biotop, für das sie geschaffen sind: Hügeln und Kurven. Rast in Sobotiste in einem unscheinbaren Lokal entlang der Straße. Wer zuwenig Sauerstoff in der biergeschwängerten Luft im Inneren vorfand, blieb im sonnigen Freien. Sehr guter Kaffee und noch bessere heiße Schokolade ließen, zusammen mit den folgenden Kurvenorgien in einer Mühlviertel-ähnlichen Landschaft, die Endorphine sprudeln. Mit Koffern und ihrer Tochter sei das Fahren ungewohnt, hatte Sabine eben noch bei einer Fotopause gemeint -schon warf sie einen Koffer ab. Andere, Nicht-Mütter, hätten vielleicht eine andere Reihenfolge der Marscherleichterung gewählt. Mittag in Luhačovice im Hotel Pohoda. Kärtchen, mit Zahlen neben Namen, darunter wieder Nummern mit Speisennamen. War das ein Spaß: mit unüberhörbarem Akzent, undeutlich, dafür atemberaubend schnell gab der Wirt Zahlen von sich. Der eine verstand´s, der andere nicht, der eine dachte Nummer sei Speise, der andere Nummer sei Person und es begann eine lautstarke Speisentauschbörse. Parallel dazu gab es Führungen und Informationen zu Kurbadspezialitäten und Massagen, über die Günter, aber auch Susi danach nicht sprechen wollten. Nach einer wunderbaren Hügel-Felder-Wälder-Strecke, durch gepflegte Ortschaften, an Mühl- und Waldviertel erinnernd, kamen wir bei strahlendem Wetter endlich von Böhmen nach Mähren. Über Visovice, Valaška-Bystřice und Rožnov zum Hotel Tatra in Kopřivnice. Das Hotel passte besser in die nicht existierenden Klobassen als in die schönen Beskiden, ist jedenfalls aber ein Muss für jeden Nostalgiker des real existierenden Sozialismus. Der Ästhetik verleugnende Radikalfunktionalismus eines zwölfstöckigen Kastens findet durch eine kaffee- und rauchgeschwängerte 12,5 m² Empfangshalle seine innere Ergänzung und schließlich in Schall verstärkenden Essräumen seine Vollendung. Das bemühte, in jeder Phase überforderte Personal passt zum Ambiente, das Zurückweisen des Euro als Zahlungsmittel im Land, das zur Zeit den EU-Ratsvorsitz inne hat, rundet den Eindruck eines retro-futuristischen Gesamtkunstwerk ab. Wäre da nicht unsere Marion gewesen: Dank ihrer Sprachkenntnisse, ihrer Geduld, ihres Verhandlungsgeschicks verhungerten und verdursteten wir nicht. 2. Mai. Obwohl nur 25 km von der polnischen Grenze entfernt, war auf dem offenen Parkplatz nichts von unseren Fahrzeugen abhanden gekommen. Nur Manfred vermisste seine Zierkappe. Aber die den Kopf bedeckende. Tatra Museum. 1850 hatte Herr Schusterla, nach Lehrjahren bei einem KuK Kutschenhoflieferanten in Wien eine Kutschenfabrik gegründet, die sich im 20. Jhdt. zum innovativen Hersteller von PKWs und LKWs entwickelte. Kein Zufall, dass unseren Obmann Peter die motorgetriebene Kutsche „Präsident“ besonders faszinierte, andere fanden in martialischen Lastern oder in futuristischen Pistenraupen ihr museales Besucherglück, vom legendären Tatra 603 ganz zu schweigen. Unter Wolken, bei frischen Temperaturen , teils durch hügeliges, kurviges Gebiet, meist durch lang gezogene Straßendörfer, ging es nachmittags über Ostravice in die Slovakei und dann über Turzovka, Krásno und Zborov nach Vychylovka zur Waldbahn. Einer Mini-Andenbahn gleich fährt die Bahn auf an den Berg geschmiegter schmaler Spur und erklimmt im Zik-Zak die Höhe. Unsere rauchbedingte Feinstaubbelastung reicht für die nächsten 20 Jahre. Die Stimmung war bestens, die Rückfahrt erfolgte spät, deshalb ohne Umwege auf kürzestem Weg, der lang genug war. Das Abendessen im Hotel hatten wir uns verdient, besonders Reinhold, dem bereits nach eineinhalb Stunden seine Palatschinken serviert wurden. In Schweineschmalz zubereitet. Als Beitrag der tschechischen Küche zur Borstenvieh-Influenza-Immunisierung. 3. Mai: Heimfahrt. Dank Biostartern sprang Franz´ R 1100 GT doch an. Richtung Slovakei. Hügeln, Berge, Kurven – das Richtige für uns. Im Blick: die schneebedeckte Tatra. Bei Bytča: langweilig gerade Strecke, dann wieder bei Ilava wunderbar geschwungene Linienführung auf aufgebrochenen Fahrbahnen. Mittag im Hotel David in Bošany. Sepp überstand zwar seinen Erstickungsanfall, diagnostizierte danach aber fälschlich Scheinschwangerschaft bei G., den er nur im Profil sah. Einige Multifunktionäre brachen aus Zeitgründen auf, um über die Autobahn rasch Richtung Wien zu kommen. Über Nitra, Sereď, Trnava und Modrá auf fahrerisch meist wenig anspruchsvollen Straßen ging es Richtung Malacky. Verkehrszeichen mahnten zu Überholverbot und zu max. 70km/h. Blauäugige Unwissende, wie die meisten von uns, hielten sich daran. Ihnen wurde von ortskundigen Möchtegern-Rennfahrern auf der folgenden Bergstrecke zum Baba-Pass um die Ohren gefahren, dass jeder Sammler von Organspenden seine Freude hätte. Es sei heute harmloser als noch in den 1990er Jahren, wurden wir aufgeklärt. Damals seien auch Kennzeichen ein Luxus gewesen. Die Polizei? Die beobachte nur, meinte man lapidar. Der Baba-Pass als Kombination aus Exelberg und Kalter Kuchl. „Baba“ heißen schließlich ja auch wild tanzende Derwische. Oder kommt es von „baba und foll net?“ Die Marchüberquerung mittels Fähre nach Angern erfolgte mit benetzten Sohlen, der Rest der Strecke nach Wien war unaufgeregtes Heimrollen. Rudi C. sei Dank für die gelungene, abwechslungsreiche und gut organisierte Tour! Und wer meint, zu viel gegessen zu haben, dem sei in einer unnachahmlich melodischen Sprache gesagt: Strč prst skrz krk. – Steck den Finger durch den Hals. Peter Gusmits
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