Schmetterlingsparadies in Langschlag
von Peter Gusmits
Die Fahrt zum Schnapsglasmuseum müsse wegen einer Seniorenreise der Museumsbetreiber vertagt werden. Sagte unser Obmann Peter, der sich gleich wieder verabschiedete, um seinen Wohnwagen herzurichten. Ein Ikea-Modell? Zehn Motorräder und ein Auto nahmen die erste Extremetappe, die uns über Leobendorf, Oberrohrbach, Wiesen, Großmugl Richtung Hollabrunn führte, in Angriff. Abgeerntete, dann wieder reife gelbe Getreidefelder wechselten sich mit kräftiggrünen Mais- und knallgelben Sonnenblumenfeldern ab, nach kurvenreicher Strecke im Wald wurde der Blick auf bunte Hügeln freigegeben und wir erreichten endlich, nach 52,9 km die Konditorei Naderer in Hollabrunn. Was waren blühende Mohnfelder gegen Mohnstrudel? Günter präsentierte stolz seinen € 4,50 AMS-Haarschnitt, der dem Preis durchaus entsprach. Jeder verstand nun auch das Motiv für den Freitod eines Marders, dessen geschockten Körper wir quer über den Bahngleisen in Leobendorf gesehen hatten. Die Schönheit der abwechslungsreichen Strecke – kurvige, verkehrsarme Straßen über und zwischen farbenfrohen Hügeln, unterbrochen durch Waldstücke – setzte sich fort und wurde durch den morbiden Charme blassgrün bis blasslila getünchter baufälliger Häuser in verlassenen Dörfern bereichert. Eggendorf im Walde, Freischling, Plank am Kamp und Gföhl waren einige der Stationen nach Zwettl um dann über Jagenbach, Engelstein nach Bad Großpertholz zu gelangen, wo der Hahn Buam Hof uns erwartete. Das Auge hatte sich mit allen erdenklichen Grünnuancen der traumhaften Waldviertler Landschaft vertraut gemacht, Zunge und Gaumen sich auf regionale Spezialitäten eingestellt Ob Schwammerlsterz, eine „Fuhre Mist“ oder Waldviertler „Erpfi“, es war für jeden etwas dabei. Wir wurden als Lebendexponate platziert. In einem riesigen, 150 Personen Platz bietenden Speise-/Tanzsaal/Museumsschauraum, dekoriert mit Jagdtrophäen, Krügeln, Harmonikas, Schlitten, Gugelhupfformen, Klavieren, Wurlitzern, einem Schnupftabakaquarium, vollgestopften Vitrinen und einem weit ausladenden Plastikbaum mit Glühbirnen in der Kunststoffblätterkrone, wurde uns der Verstand und unseren Staublungen der Atem geraubt. Dazu gab es Musikuntermalung, nicht einmal eines Musikantenstadls würdig. Aber urig. Wenige Kilometer und einige Regentropfen weiter: das Schmetterlingsparadies in Langschlag. 30.000 m² Wiesen mit Millionen Wild- und Gartenblumen, Feuchtbiotopen und 35 Volieren bieten 500 tropischen, nordamerikanischen und heimischen Falterarten, aber auch Stab-, Gespensterheuschrecken, Vogelspinnen und was man sonst zu Hause vermisst. Ein wahres Paradies. Unsere Kirschblüte Elisabeth und unsere Lotusblüte Marianne lockten den einzigen (Sam-Son-) diensthabenden Falter in grün-brauner Regenmontur aus dem Pflanzendickicht. Sein Flügelschlag im Sinne der Chaostheorie erfolgte zu spät und zu schwach, um das Wetter zu ändern. So konnten wir bei Sonnenschein die Kurvenorgien über Rappottenstein, Grainbrunn, Weinzierl im Walde, Egelsee und Krems nach Tulln genießen, im schattigen Garten von Marianne und Pauli der Kaffee- und Eisjauseneinladung folgen und die von Pauli geplante und geführte paradiesische Ausfahrt ausklingen lassen. Peter Gusmits
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