Ausfahrt: KARLSTEIN mit Uhrenmuseum
von Peter Gusmits
Was ist Zeit? Wenn es niemand von mir erfragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht, grübelte bereits der Hl. Augustinus vor 1.600 Jahren. Damals noch nicht hl. Aber nicht deshalb. Was also blieb uns großvulumighubraumzweiradbestückten ebenso Unwissenden übrig, als uns mit bangem Herzen und wachem Geist dem Mysterium „Zeit“ zu nähern? Zu einem Ort zu pilgern, der das Geheimnis der Zeit wohl nicht preisgeben, aber wenigstens zur Messbarkeit des Unerklärbaren würde beitragen können Pünktlich, der Thematik angemessen, brachen am Morgen des 28. Juni des Jahres 2008 15 motorisierte Pilger (zehn Motorräder, ein Auto) des Geschlechts derer von und zu KRAD, beiderlei Geschlechts, auf, dem in seiner Alltäglichkeit banal erscheinenden, aber letztendlich Unerklärbaren auf den Grund zu gehen. Über Leobendorf, kleine, kurvige Strassen nach Grossrussbach auf die höchste Weinviertel-Erhebung, Buschberg (491 m). Danach weiter über hügelige Wege, mitten durch bunt blühende Felder und gepflegte Ortschaften wie Enzersdorf im Thale, Hollabrunn, Oberfellabrunn bis zur ersten Rast in Gaindorf bei Ravelsbach. Dort fügte eine Salzstangerl-Kaffee-Jause jene zwei sich nach einander sehnenden Gruppen zusammen, die durch eine rote Ampel getrennt worden waren. Nach Olbersdorf, Schönberg am Kamp blieben wir in Thunau am Kamp stehen, um beim Mahnmal unseres durch die verirrte Kugel eines Polizisten ums Leben gekommenen Clubkollegen zu gedenken. Jahre her, aber plötzlich wieder gegenwärtig. Nachdenklich ging es weiter. Das Grauen im Kopf, das Schöne vor Augen. Einladende Pfade über Rosenburg-Mold, Göpfritz, Schönfeld an der Wild und Loibes brachten uns auf positive Gedanken. Sie, die wir (noch) nicht zu erklären vermochten, verflog jedenfalls wie im Fluge: Die Zeit Dann lag es endlich vor uns. Begierig, sein einschlägiges Wissen wohlwollend mit uns zu teilen: Karlstein. Entstanden aus der Region Münchreith (von Mönchen gerodet), 1188 urkundlich erwähnt, überragt von der als Grenzfeste erbauten, hoch auf dem Fels über der Thaya thronenden mittelalterlichen Burg, umrahmt von waldbedeckte Anhöhen. Eine uralte philosophischen Frage ließ uns in den existentiellen Abgrund blicken: Woher kommen wir, was sind wir, wohin gehen wir? Unser ideologisch wenig verklemmter, metaphysisch immuner, pragmatisch orientierter Ansatz hatte glücklicherweise rasch eine lösungsrelevante Antwort: Wir waren über Umwege aus Wien gekommen, waren hungrig und gingen ins Wirtshaus. Angekränkelt von des Gedanken Blässe hätte auch Hamlet wenigstens ein Ham oder ein Omelette gewählt. Es galt das Primat des Körperlichen. Schließlich, ermattet von all den fleischlichen Genüssen, vom Wels bis zu Vegatarischem, fand auch gedanklich alles ineinander und ward Eins(ilbig). Müde in der Gegenwart und satt für alle Zukunft. Und wie das Gegenwärtige seine Gegenwart in der Wahrnehmung hat, das Vergangene aber seine Gegenwart in der Erinnerung, so ist das Uhrenmuseum Sinnbild von Vergangenheit, die in die Gegenwart hereinragt. Öffnet durch eindrucksvolle und begeisternde knapp 200 Exponate der Spezies Chronometer den Blick (und manches Bikers Mund) für das de facto Unerklärliche, aber Messbare: die Zeit. Raritäten wie Präzisionspendeluhren, Planetarien, Tischuhren und Armbanduhren, zum Teil in einer lebenden Werkstatt repariert und hergestellt, machten neugierig. Modelle von Hemmungen, Schlagwerken, Regulatoren, Unruhen und ewigen Kalendern enthemmten, beunruhigten, regulierten und begeisterten nicht nur Zeitmessfetischisten - auch Laien auf dem Gebiet der Feinmechanik erahnten das in Uhrform geflossene handwerkliche Können. Selbst abgebrühte (Möchtegern-) Sammler vermochten – aus Sorge um ihre eifersuchtsgefährdete BMW - nur schwer den Glanz in ihren Augen zu verbergen. Seit 250 Jahren werden hier Zeitmessgeräte erzeugt, die das messen, was sich begrifflich wohl fassen lässt, dem Begreifen sich aber letztlich doch entzieht. Das Künftige, gegenwärtig in der Erwartung, ist repräsentiert in der Fach- und Berufsschule für Uhrenmacher. Als Ausbildungsstätte seit 1873 aus der Vergangenheit im Hier und Jetzt den Weg weisend ins Futurum, also in die gestaltbare Zukunft, aber auch ins Advenire, in das abenteuerliche, von unsereins nicht beeinflussbare Künftige. Ob die Zeit somit, wie Augustinus meint, die Erstreckung der Seele sei, darüber wollten wir nachdenken. Während unserer Fahrt von hinnen nach dannen. Auf Varianten einspurigen Fortbewegens, vielfältig wie der Zeiten Messung Artenreichtum. Über Groß Siegharts Richtung Allentsteig, durch eine mystische Märchenlandschaft über Ottenstein, dem Fels entlang zum Dobrastausee, bergauf und bergab in traumhaftem Kurvengeschlängel via Krumau am Kamp, Thurnberg, Gföhl und Senftenberg nach Krems. Kirchberg am Wagram, Bierbaum am Kleebühel, Trübensee und Tulln waren die letzten Kontrollpunkte bevor ein großer Teil der Gruppe noch „Zum lustigen Bauer“ in Zeiselmauer einkehrte und der Anfang vom Ende der Ausfahrt begann. Das Gegenwärtige hat seine Gegenwart in der Wahrnehmung, das Vergangene hat seine Gegenwart in der Erinnerung und das Künftige schließlich ist gegenwärtig in der Erwartung. Das war uns allen klar geworden. Natürlich hätte uns das Augustinus bereits damals sagen können. Oder Reinhold heute, glücklicherweise wieder mit uns! Aber nicht so anschaulich wie unser Tourenwart Helmut in Form einer ausgeklügelten Bildungsfahrt. Auch er war endlich wieder mit dabei! Mit funktionierendem Biofahrwerk. Alles nur eine Frage der Zeit. Peter Gusmits
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