Fahrt ins Blaue mit R. Lindner
von Peter Gusmits
„Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was der Tag bringt.“ (Sprüche 27:1) Es gibt Tage, die das Leben widerspiegeln. Oder die uns an manche Filme erinnern: sie sind zum Lachen und zum Weinen. Und an manchen dieser Tage erhalten Menschen eine Hauptrolle, die sonst selten im Rampenlicht stehn. Von Günter initiiert, sollte die erste Fahrt ins Blaue von Reinhold umgesetzt werden. Keine offizielle, bis ins Detail geplante Clubausfahrt, sondern eine mit spontanerem Charakter. Die Luft war rein, der Tag, er schien uns hold. Wohin würd´ führen er uns, er, Reinhold? Elf Motorräder plus Fahrer plus eine Beifahrerin waren pünktlich um 07:45 bei BP West. Nur Reinhold nicht. Die Scherze über die vermeintliche Unpünktlichkeit wichen rasch großer Betroffenheit. Er sei im Spital, hieß es, mittlerweile wohlauf, es hätte auch anders kommen können. Kein Unfall, aber um nichts weniger heikel. Zwei Gruppen waren schnell gebildet, Günter als Tourenguide der einen, Bruno als jener der anderen Gruppe. Erstes Ziel: die Wuchtel-Wirtin bei Mariazell. Nicht via Diritissima, sondern über Nebenstraßen, Güterwege. Bekannte Eckpunkte wie Eichgraben, Hainfeld, Kalte Kuchl waren nicht zu umfahren, gaben aber fahrerisch einiges her. Und Bruno war in seinem Element, lebte förmlich auf, als er sich durch Kurven schwang, ja tanzte. Als er als Vorausfahrender zeigen konnte, wie er das Fahrzeug und das Fahren beherrscht. Und seine Hochstimmung bei der Rast Wuchtelwirtin mit auf alle übertrug. Es wurde gescherzt, gelacht, Wuchteln und Soßen vernichtet, kurz: wir genossen unser Dasein. Nicht anders beim Mittagessen im Gasthof Krug nach einer wunderbaren Fahrt durch die Wildalpen nach Hinterwildalpen. Bruno kämpfte auch hier mit Sonnenschirmen und behielt abermals die Oberhand. Als wir aufbrachen war die Welt für uns völlig in Ordnung. Es war 13:45. Noch zwei Stunden bis … Zwei Maschinen hatten uns bereits verlassen, die anderen fuhren wieder Richtung Mariazell. Dann über Wastl am Wald, Puchenstuben, Frankenfels Richtung Kirchberg an der Pielach. Bruno tanzte wieder durch die Landschaft und genoss, wie alle, die Fahrt. Eine letzte Rast auf einem Parkplatz neben der Strasse. Brunos Vorschlag, nach Nussdorf/Wachau zu fahren fand keinen Widerhall. Die Gruppen trennten sich zur Heimfahrt. 15:10. Noch 20 Minuten. Bruno fuhr wieder voran, zu dritt folgten wir ihm. Kirchberg an der Pielach, Warth, Tradigist. Die Höhe nach Geiseben hinauf, dann die Abfahrt Richtung Eschenau. Wunderbare, fast kitschige Landschaft. Nicht zu flotter, der Strecke mehr als angepasster Rhythmus. Es ist kurz nach 15:30. Nach einer Linkskurve: ein roter PKW steht nahezu quer zur Fahrbahn! Kaum Platz zwischen ihm und der rechten Leitschiene! Linke Front, linke Seite, die Windschutzscheibe beschädigt. Die Fahrerin wie erstarrt hinter dem Lenkrad. Einige Dutzend Meter weiter: Bruno neben seiner schwer beschädigten Maschine am Boden! Bei Bewusstsein, ansprechbar, voll orientiert. Offenbar verletzt. Schmerzen, vor allem im linken Arm. Aber nicht nur. Die Rettungskräfte sind rasch zur Stelle. Drei Rettungsfahrzeuge, vier Feuerwehr-, zwei Polizeiautos. Der Notarzt. Der Rettungshubschrauber. Die Strasse in beiden Richtungen gesperrt. Bruno wird versorgt. Wird nach St. Pölten gebracht. Sitzbank, Koffer, Topcase werden geborgen. Die Maschine aufgestellt. Danach schießt die Polizei Fotos. Befragt mögliche Zeugen. Findet keine. Es gibt keine Augenzeugen des unmittelbaren Unfallhergangs. Niemand kann sich der Bestürzung entziehen, deutlicher kann einem unser aller Zerbrechlichkeit nicht vor Augen geführt werden. Das Wichtigste: Bruno lebt! Und auch die PKW-Lenkerin ist nicht lebensgefährlich verletzt. Ein Tag, wie das Leben. Lachen und Weinen, Freude und Leid dicht beieinander. Die Luft war rein, der Tag, er schien uns hold … Peter Gusmits
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