Tirol an der Grenze (9 Tage)
von Peter Gusmits
Grenzen In der Tat stießen wir einige Male an Grenzen bei dieser einer Wallfahrt nicht unähnlicher Reise ins Heilige Land Tirol. Die 16 (sechzehn !) wunderbaren Touren in Tirol, Vorarlberg, Südtirol, der Schweiz und Süddeutschland, die unser Tourenwart Helmut in gewohnt professioneller Weise zusammengestellt hatte, in netto 5 Tagen zu absolvieren, ließ selbst bei Vielfahrern die eigenen Grenzen erkennen. Zumindest hinsichtlich der eigenen Fähigkeit, eine Auswahl treffen zu müssen. Und diese mit KollegInnen abzustimmen. Ein – für uns, vor allem aber für andere Gäste unseres Quartiers in Nauders (1.365 m über dem Meer) – amüsantes gruppendynamisches Experiment, täglich Entscheidungen treffen zu müssen. Was beim hl. Abendmahl nicht gelang, wurde beim Frühstück vollendet. Fahren wir die Supertour schwer 5 oder die vielleicht doch die schönere 13? Eine Professionalisierung der Diskussionen war durch die Anwesenheit von sechs unserer sieben Vorstandsmitglieder zu erwarten, die Meinungsvielfalt zu erleben war bereichernd. Eine Entscheidungshilfe und weitere Grenze war das Wetter: es war die schlechteste Woche seit Monaten, mit Temperaturen wie im März. Das hielt uns natürlich nicht davon ab, dennoch etliche Pässe, Jochs und Sättel zu bezwingen, die jenseits der 2.500 m liegen. Und die Schneegrenze rückte sichtbar täglich näher. Die Anreise Bereits die Anreise, noch bei gutem Wetter, garniert mit einem Wolkenbruch vor Leoben, war ein Gustostückerl: St. Corona am Schöpfel, Kalte Kuchl, Lahnsattel, Seebergsattel, Niederalpl, Gesäuse, Admont, Aigen im Ennstal und schließlich Bad Aussee, wo wir nächtigten, seien erwähnt. Marianne und Paul wollten ursprünglich alle Bergpässe ohne ihre Reisepässe besuchen, ´s Töchterl war zum Glück nachtragend. Bei Erzberg ein Patschen am Hinterreifen der F 650 GS von Ruth. Als Beispiel klassischer Realitätsverweigerung meinte Ruth zwar ständig, es könne kein Patschen sein, der Reifen sei erst 500 km alt, Manfred hingegen murmelte ständig angesichts des äußerlich jungfräulich und unbeschädigt wirkenden Reifens ein motivierendes: „Des schaut gor net guat aus…“ Zwei Patronen, alle paar Stunden etwas Luftzufuhr und eine neuer Schlauch zwei Tage später lösten das Problem. Wunderbare Landschaften, Kühe in Kühtai, die bei dem Namen „Plachutta“ die Flauschohren spitzten und Kurvenräubern wurden auf der Fahrt von Bad Aussee nach Nauders geboten. Erwähnt seien nur Highlights der Strecke wie die Gegend bei Dienten (sprich: Deant´n), Gerlos, Axamer Lizum oder die Straßerln im Ötztal, bei denen jeder entgegenkommende Traktor zum Erlebnis wird. Das Ferienhaus Auer, unser Quartier, ist auf Biker eingestellt und hat eine reiche Auswahl zusätzlicher Tourenvorschläge parat. Technische Grenzen Als wallfahrende Gläubige im hl. Land Tirol sandten wir täglich Gebete an die GPS-Götter: Garmin, Garmin, Tom, Tom, Tom: Zeig uns die Strecke, zeig sie, komm! Und dazu machte der voran fahrende Navigator-Schriftgelehrte kreisende Bewegungen mit gen den Himmel gestrecktem Arm. Das hieß, wie wir rasch begriffen: Kehret um, kehret um, ihr seid nicht auf dem rechten Pfad! Und so übten wir, meist auf abgelegenen, engen Wegen das Umdrehen. Ängstliche meinten, der Guide deute auf die über uns kreisenden Geier, Fatalisten fügten sich in das Unvermeidliche und (GPS-)Ungläubige fühlten sich in ihrer Skepsis bestätigt. Dass Bernhard auf seinem Tom Tom nur die Waldviertelversion für Weinbergschnecken installiert habe, erwies sich als unhaltbares Gerücht. Die Woche in Tirol Die Lösung der erwähnten Qual der Wahl, welche Tour an welchem Tag war eine pragmatische. Eine, wie sie unser Tourenwart Helmut sich auch vorgestellt hatte: Eine Kombination aus Gemeinschaftserleben in (Klein-)Gruppen und die Möglichkeit individueller Entscheidungen. So fanden sich meist drei Gruppen zusammen, die die eine oder andere von Helmut ausgearbeitete Tour fuhren, bisweilen in umgekehrter Reihenfolge oder aber selbst, meist auch regionalwetterbezogen, auf Basis der Vorschläge eigene Routen zusammenstellten. Alle Details sämtlicher Touren aufzuzählen wäre ermüdend. Erwähnt seien aber Namen, die Herzen von Kurven- und Landschaftsfans höher schlagen lassen: Das Stilfserjoch (2.758 m) mit seinen atemberaubenden Kehren (vor allem für K 1200 S und K 1200 LT Fahrer), der Berninapass (2.323 m), das Timmelsjoch (2.474 m), der Jaufenpass (2.099 m) und das Pensenjoch (2.211 m) mit herrlichen Kurven und bizarrer Kulisse. Oder der Umbrailpass (2.501 m), der Gavinpass (2.621 m) und der Tonale (1.864 m), nicht zu vergessen die Silvetta (1.747 m), die selbst bei Regenfahrten ihre Reize nicht verbergen können. Wie meinte unser Clubobmann Peter? „Fahren wir gemütlich, wir sind auf Urlaub, nicht auf der Flucht.“ Bezüglich flotter Fahrt in manchen Passagen war es gut, dass wir nicht auch noch auf der Flucht waren… Eine größere Gruppe machte Donnerstag eine regenbedingte Fahrpause und erlebte durch einen ungemein engagierten pensionierten Lehrer spannende Führungen durch die Festung Nauders und das Schloss Naudersberg. Auch Vorgängermodelle unserer heutigen Fahrzeuge wurden erklärt, wie ein LW (Loatawagele) und ein SCH (Schloapfa), der Günters Herz eroberte. Bei der Jause ließ sich unser Vorstandsmitglied Manfred das gute Zigaretterl nicht verleiden, nur weil die Besitzer des „Schwarzen Adler“ „Tschiggfrey“ heißen. Eine Gruppe ließ sich durch strömenden Regen nicht bremsen, fuhr ins sonnige Südtirol und ließ Ötzi von uns grüßen. Und was gab´s noch? Sauerstoffmangelerscheinungen. Da legte sich ein GS Fahrer bei einer Pause nieder, vergaß allerdings, vorher abzusteigen. Da stieg ein anderer von seiner GS ab, ließ los und staunte, dass die Maschine ohne Seitenständer nicht stehen blieb. Da unterschätzte eine Biene die Motorbremswirkung eines 1200er Boxers und zerschellte auf dem Tacho; die sterblichen Überreste wurden filmisch festgehalten. BMW Motorrad Days Endlich Sonnenschein bei der Rückfahrt! Zwar nicht mehr vollzählig, aber bei guter Laune. In Garmisch-Partenkirchen: Besuch des internationalen Treffens, das eher den Charakter einer Freiluftmesse (ohne Eintritt) mit Show-Einlagen vermittelt. Ein österreichische Stuntman (Zweiter der WM in den USA) zeigte u.a. vor, wie man auf dem Hinterrad umdreht. Wäre auf manchen Waldwegen zu überlegen, sollten wir unbedingt in einen unsere Fahrerlehrgänge einbauen. Besucher aus Italien, England, Russland, Indonesien (!), alle mit ihrer Bayrischen. Und natürlich unser alter Freund Sandor aus Ungarn. Nach einigen Umkehrübungen (als Herausforderung in waldigem, ansteigenden Gelände mit losem Untergrund) Fahrt durch wunderbarer Landschaft (Tegernsee, Schliersee, Walchsee,…) bei schönem Wetter ins Quartier in Weißbach. Ein Bier draußen um 22:00 zu trinken – das war nach der Woche Nauders der pure Luxus. Heimwärts Wieder nichts für Asphaltfresser. Aber auch nichts für Pausenfetischisten mit Miniblase. Die Fahrt durch reizvolle Täler, Hügel, Berge (Wiestalstausee, das Salzkammergut mit seinen Seen, Waidhofen an der Ybbs etc.) kostet auch Zeit und verlangte zügiges Weiterkommen, wollte man unter Tags in Wien zurück sein. Auch das ließ die Gruppe der Heimfahrer schrumpfen, hatte aber wieder für jeden Gusto etwas zu bieten. Resümee Neun Tage in einer Gruppe von Individualisten bei schlechtem Wetter zu verbringen ist nicht ohne Risiko. Dass sich die Diskussionen auf Tourendetails und wer wessen Nachspeise bekommt beschränkten, spricht für die Teilnehmer, deren Freude am Fahren, die Wahlmöglichkeiten und basierte vor allem auf der aufwändigen Vorbereitung. Deshalb nochmals herzlichen Dank an Helmut, unseren Tourenwart!
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